Die vergessene Glasschleife

Die vergessene Glasschleife – Über zwei Monate ist es bereits her, dass mich die Mühle mit ihrem morbiden Charme in Ihren Bann gezogen hat. Seitdem sitze ich jedes Wochenende daran, die Aufnahmen von dieser Besichtigung zu bearbeiten. Ich weiß noch nicht, ob ich langsamer in der Nachbearbeitung geworden bin oder ich mir diesmal für jedes Bild besonders viel Zeit genommen habe. Es könnte aber auch daran liegen, dass die Lichtverhältnisse im Inneren der Glasschleife einfach sehr schwierig waren.

24 Stunden am Tag war das Drehen, das Rattern und Dröhnen zu hören

Im 19. Jahrhundert war das produzierte Flachglas zunächst undurchsichtig. Erst durch das Weiterbearbeiten in den Glasschleifen und Polierwerken wurde es transparent. Von gewaltigen Wasserrädern angetrieben, liefen auf zwei Stockwerken hölzerne Poliertische rund um die Uhr. Filzteller kreisten über die Glasflächen, die mit Wasser und Poliermehl bearbeitet wurden. Potte, so nannten die Arbeiter das Eisenoxid, das jeder Polier färbte und das heute noch wie roter Wüstensand in der gesamten Schleife liegt. Dadurch versagte auch der Weißabgleich der Kamera, wodurch die Entwicklung nicht einfacher wurde. Unsere Kleidung sah danach aus, als ob wir direkt aus dem Outback von Australien gekommen wären. Bis zu zwölf Stunden wurde hier maschinell poliert, und anschließend noch mit der Hand. Zehn bis 15 Leute umfasste die Belegschaft, sogar nachts waren zwei Personen beschäftigt.

Mit der veränderten Flachglasherstellung, bei der das Glas schon transparent hergestellt werden konnte, kam im 20. Jahrhundert das Ende der Glasschleifen. Franz Ring und seiner Familie bewohnten und betrieben die Schleif noch bis 1952 als Nebenerwerb. Leben konnte die Glasschleifer-Dynastie schon seit Langem nicht mehr davon. Die alte Handwerkskunst wurde von dem Fortschritt des Industriezeitalters überholt. Seither lag die „Alte Schleife“ im Dornröschenschlaf. An manchen Stellen schält sich das wundervolle Backsteingebäude charmant aus dem alten Putz und die gut erhaltenen Klinker werden sichtbar. Auch die Außenfassade ist mittlerweile größtenteils mit Efeu bewachsen.

Die vergessene Glasschleife – Erhalten für die Nachwelt

Die Poliertische waren noch bis 1953 in Betrieb und gehören zum einzigen, am ursprünglichen Ort vollständig erhaltenen Glaspolierwerk. Im Jahr 2003 wurde begonnen die historische Glasschleife zu sanieren. Dadurch konnte dieses fast vergessene Erbe der frühen Industrie für die Nachwelt erhalten werden.

Verwendete Ausrüstung:

Stand der Bilder: November 2017

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